Heute ist ein guter Tag, um offline zu gehen

Sind vielleicht Grey’s Anatomy Fans unter Euch? Ja? Dann kennt ihr sicher den berühmten Spruch des Neurochirurgen, der vor jeder OP die magischen Worte spricht: Heute ist ein guter Tag, um Leben zu retten.

Ja, heute ist ein guter Tag. Für mich, um den ersten Schritt auf meinem Weg zu reflektieren. (Das ist im Vergleich zum Leben retten zwar für die Außenwelt nicht so bedeutend, aber für mich im Inneren umso mehr). Denn ich sitze nach einer langen Woche erschöpft aber glücklich an meinem Laptop und verfasse gerade den zweiten Blogartikel für FutureMom 2.0. 

Es war eine sehr aufregende Woche, die mir einmal mehr meine Grenzen aufgezeigt hat. 

Die letzten 5 Tage habe ich mit meiner Tochter in Riga, Lettland, verbracht. „Waaas Lettland? Wieso fährt man denn im November da hin? Wiie du bist mit deiner Tochter alleine gefahren? Warum machst du das? Warum brauchtest du eine digitale Auszeit? Verstehe ich nicht..“

Als ich vor einigen Wochen das Gefühl bekam, einen Tapetenwechsel zu brauchen hatte ich wirklich überlegt, wie ich das anstellen soll. Etwas in mir sehnte sich nach dem großen Reiserucksack, nach Abenteuer und nach neuen Eindrücken. Ich erinnerte mich an meine Zeit als ich durch Indien reiste, andere Kulturen kennenlernte, eine Sanddüne in Chile erklomm oder das erste Mal in meinem Leben Mate-Tee, das Kultgetränk in Südamerika, probierte. Ich setzte mich an meinen Laptop und recheriert, nutzte den Optimismus der Stunde und buchte kurzerhand einen Flug und meine erste Air BnB Reise nach Lettland. Mit dabei: Meine zweijährige Tochter. 

Hätte man mir in diesem Moment gesagt, dass die ersten richtig heftigen Wutanfälle in Lettland auf mich warten, dass dort kaum Englisch zu finden ist, einem die sibirische Kälte um die Ohren schlägt oder das ich merkte, wie groß die Baustellen sind, die ich in mir trage – ja dann hätte ich mir das vielleicht nochmal überlegt. Ich wäre auf Nummer sicher gegangen und hätte, wenn überhaupt, höchstens einen kurzen Cluburlaub gebucht. Das wollte ich aber nicht. Ich wollte Abenteuer und mich der Herausforderung stellen. Ich wollte Grenzen überwinden und aus meiner Resignation hervortreten, die sich die letzten Monate so sehr breit gemacht hat. Und das wichtigste überhaupt: Ich wollte ungestörte Zeit mit meiner Tochter verbringen. 

Als ich am Sonntagabend immer noch zögerlich meine Koffer packte (ein Teil in mir hoffte darauf, die Reise aus einem wichtigen Grund doch noch stornieren zu müssen) wurde mir immer mehr klar, dass der Optimismus längst verflogen war. Angst hatte sich breit gemacht. Angst davor, alleine zu fliegen. Angst davor, dass etwas mit unserer Unterkunft nicht stimmte. Angst, dass ich Riga unterschätzt hatte und wir in dubiose Gegenden kommen würden. Ja…Ängste können ziemlich fesselnd sein und dafür sorgen, dass wir im letzten Moment die Meinung ändern. Aber etwas in mir zwang mich förmlich in dieses Flugzeug zu steigen. 

Als wir gestern wieder Heimatboden unter den Füßen hatten spürte ich das Gefühl, dass ich mir gewünscht hatte: Stolz. Ich war wirklich stolz auf mich, dass ich mich für diese Reise entschieden hatte. Wir hatten eine tolle Zeit und ich konnte die Abende nutzen, um mich fernab von medialer Ablenkung meinen Büchern und meinen Notizen zu widmen. Und ich machte eine unglaublich wertvolle Feststellung: Die Welt ist so viel entspannter ohne Smartphone. Ohne Instagram. Ohne Facebook. Erst als ich wirklich mal offline ging, einen digital Detox machte, merkte ich, wie entspannt ich wurde. Verrückt. 

Ich nehme diese wertvolle Erkenntnis mit nach Hause und setze sie als erstes Puzzleteil in mein großes Puzzle der Authentizität, das ich von nun an entdecken möchte. 

Diese Wort „Authentizität“ hat mich gefesselt und den Platz meines bisherigen Lieblingswortes eingenommen, dass widersprüchlicher nicht sein könnte: Erfolg. 

Es wird spannend, so viel steht fest. Denn die eigene Komfortzone zu verlassen, die ursprünglichen Glaubensideale und allgemeingültigen Meinungen (nur wer Haus, Familie, protziges Auto besitzt, hat gesellschaftliche Anerkennung) in Frage zu stellen und sich auf den Weg zu machen, sich selbst zu finden – ja dann beginnt die Reise.


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