Wer bin ich? Wo will ich hin?

Ich hatte ja in meinem letzten Artikel angekündigt, dass ihr heute einen Schreibblock inkl. Stift brauchen werdet. Meiner liegt ebenfalls neben mir bereit. Auch wenn man bekanntlich sonntags nicht arbeiten soll, ist das für mich doch irgendwie der Tag, an dem ich runterfahre und Platz für neue Ideen schaffe. Am liebsten setze ich mich nach einer gedrehten Joggingrunde an den Esstisch und lege los – so wie heute.

„Kein Weg ohne Ziel.“

Das es gut ist, wenn man sich Ziele im Leben setzt, haben uns unsere Eltern schon mit auf den Weg gegeben. „Lerne für den nächsten Test, dann schreibst du auch eine bessere Note.“ Sätze wie diese hingen uns zu den Ohren heraus und doch haben unsere Eltern im Kern Recht gehabt.

Ich gehörte zu den Kindern, die schon verdammt früh wussten, was sie wollten. Der absolute Traum meiner Kindheit war es, Ärztin zu werden. Ärztin, am besten Notärztin, Frau Dr.Anne! Daher war ich ziemlich ehrgeizig, strengte mich in der Schule an, denn ich wusste, dass ich einmal das Abitur brauchen würde, um Medizin studieren zu können. Als ich durch Zufall in das Jugendrotkreuz kam, wo ich schon früh die stabile Seitenlage, Herzdruckmassage und Druckverbände kennenlernte, wurde meine Motivation nur noch mehr gestärkt. Damals war ich 9 Jahre alt.

Ich schaffte es tatsächlich in die Goetheschule, das einzige Gymnasium unserer Kleinstadt Einbeck, das ich aufgrund der Architektur schon wahnsinnig liebte. Ich wählte selbstverständlich Latein – dachte mir, dass das als Medizinerin ja nicht schaden könnte. Und sah mich schon im weißen Kittel über die Gänge flitzen. Soweit so gut.

In der 9.Klasse stand dann das BOGY vor der Tür. Berufsorientiertes Praktikum oder so ähnlich. Es sollte die erste Eintrittskarte in die Arbeitswelt werden und für mich war klar, wo ich hinwollte: Ins Krankenhaus! Ich erhielt tatsächlich einen Platz im städtischen Klinikum auf der Kinderintensivstation. Das werde ich nie vergessen. Vor allem nicht, weil mein Praktikum nach ganzen 57 Minuten und 13 Sekunden schon wieder vorbei gewesen ist. Aus war der Traum für mich als Ärztin, ich wollte nie wieder etwas davon wissen!

Was war passiert?

Bei einer Blutabnahme eines Kleinkindes war ich ohnmächtig geworden. Ich konnte dieses herzzerreißende Geweine nicht ertragen, noch dazu roch es überall widerlich nach Desinfektionsmittel. Gruseliger Ort. Mein Bewusstsein verabschiedete sich und wenig später landete ich dann in einem der Betten auf der Station. Es war zum heulen und ich war noch nie so am Boden zerstört wie an diesem Tag…

Seitdem war mir dann auch die Schule egaler geworden. Mein Ziel war weg. Bis zu meinem Abitur und danach überlegte ich, was ich einmal werden wollen würde. Nichts, wirklich gar nichts, kam an die Passion für die Medizin heran, doch der Gedanke, jemals wieder einen Schritt in ein Krankenhaus zu setzen, ekelte mich.

Irgendwann, ich weiß nicht, ob es Zufall oder Schicksal war, stieß ich auf das Studium der Ernährungswissenschaft. Ich las mir die Studienbeschreibung durch, las, dass es ganz viele Themen aus der theoretischen Medizin gab wie Anatomie und Physiologie und da war sie – die Verbindung! Check, ich hatte es gefunden! Und so landete ich in Hohenheim, wo ich erfolgreich mein Studium abschloss.

Ich lernte zwei wesentliche Dinge aus dieser Geschichte:

  1. Wenn du ein Ziel hast, für das du wirklich brennst, bist du bereit, alles dafür zu tun! Egal wie alt du bist!
  2. Wenn du KEIN Ziel (mehr) hast, lässt du dem Weg seinen Lauf. Du baust nicht selbst die Straße, sondern lässt sie bauen. Mit verschlossenen Augen. Und am Ende wunderst du dich, was da für ein Mist entstanden ist…

Für mich sind Ziele somit ein Grundgerüst im Leben. Ohne Ziele würde ich sinnlos durch die Gegend irren. Und alles, wirklich ALLES was ich bisher erreicht habe, basierte auf einer Vorstellung, einem Ziel vor meinem Auge. Vielleicht sah das manchmal ein bisschen anders aus wie das, was letzten Endes rausgekommen ist, aber das macht ja nichts. Wichtig ist, DAS etwas entstanden ist.

Nun zu Dir und deinem Schreibblock. Ich möchte, dass du dir selbst bitte drei Fragen notierst und im Laufe der nächsten Stunde beantwortest:

  1. Was war mein Kindheitstraum? Wofür habe ich wirklich gebrannt?
  2. Wo stehst du heute? Siehst du Parallelen zu deinem Traum und deinem heutigen Leben? Wie geht es dir dabei?
  3. Wenn du die Zeit zurückdrehen könntest und du nochmal 8 Jahre alt wärst, für welchen Werdegang würdest du dich entscheiden?

Du sollst heute nicht dein Ziel finden, aber du sollst dich heute auf den Weg machen, es zu suchen!

Einen wunderbaren restlichen Sonntag,

Eure Anne


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