Welchen Sinn hat der Geburtsschmerz? Ein philosophischer Exkurs

Es ist ein Thema, das mir schon in den unterschiedlichsten Schwangerschaftskursen & Gesprächen mit werdenden Müttern begegnet ist: Die Angst vor dem Geburtsschmerz. Viele Frauen reagieren verunsichert, verängstigt oder fast schon panisch, je näher der geplante Geburtstermin rückt. Dabei stelle ich mir die Frage: Welchen Sinn hat eigentlich der Geburtsschmerz? 

Meiner Meinung nach macht die Natur keine Fehler – zumindest keine, die zu unserem Nachteil sind. Einen „Fehler der Natur“ stellt beispielsweise die Hummel dar, denn diese könnte, rein anatomisch gesehen, nämlich eigentlich gar nicht fliegen. Ihre Flügel sind in Relation zu ihrem Körpergewicht viel zu klein und doch summt und brummt es im Sommer ringsherum. Warum Hummeln trotzdem fliegen? Sie tut es einfach. Ein vermeintlicher Fehler hält sie nicht auf, sondern lässt sie trotzdem zu einem Insekt werden, das durch die Lüfte saust.

Warum also meint es die Natur nicht gut mit uns – wo doch hundertausende Frauen täglich gebären?

Es ist eine spannende Frage, auf die es, zumindest rein wissenschaftlich, keine Erklärung gibt.

Zunächst einmal sollten wir uns damit beschäftigen, was genau eigentlich weh tut, während wir gebären. Denn es ist ein Irrglaube, dass die letzten Presswehen die schmerzhaftesten sind (zumindest meistens). Das eigentlich schmerzhafte ist die Dehnung bzw. Öffnung des Muttermundes. Quasi dem Tor nach draußen.

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Gerade in der Schwangerschaft ist es wichtig, dass der Muttermund geschlossen bleibt und der Gebärmutterhals (sozusagen der Tunnel in Richtung Gebärmutter) nicht verkürzt ist. Gegen Ende der Schwangerschaft erhofft man sich das Gegenteil, denn wenn sich der Muttermund bereits etwas geöffnet hat und sich der Hals verkürzt, ist das der Startschuss für den baldigen Beginn der Geburt.

Jetzt besteht nicht nur die Gebärmutter, sondern auch der Hals und der Muttermund aus reinen Muskelfasern. Schließlich wird das Gewebe stark beansprucht, weshalb es eine hohe Elastizität aufweisen muss. Und jeder, der sich mal bis ultimo gedehnt hat, weiß, wie weh so ein Dehnungsschmerz tut. Bei der Geburt benötigen wir jedoch nicht 2-3 Zentimeter, sondern ganze 10cm Öffnung, damit das Kind geboren werden kann. Und das innerhalb weniger Stunden. Hart oder?

Eine Erklärung dafür, wieso wir also den Geburtsschmerz empfinden ist, weil wir die Muskeln und Bänder innerhalb weniger Stunden extrem strapazieren.

Es gibt jedoch auch andere Ansichten, wie beispielsweise folgende: Da der Muttermund zu den sogenannten Ringmuskeln zählt, wie sie beispielsweise auch im Auge oder am Popo zu finden sind, unterscheidet er sich eigentlich nicht so sehr von den übrigen. Ein blödes Thema, aber wenn wir auf Toilette gehen und nicht gerade Verstopfung haben, tut diese Dehnung ja auch nicht weh. Ein Ringmuskel ist normalerweise dafür ausgelegt, sich zu dehnen. Warum also nicht auch schmerzfrei bei der Geburt?

Gebären zu dürfen, ist etwas Göttliches

Auch die Religionen nehmen einen Standpunkt ein und da dieser Beitrag den Titel „Ein philosophischer Exkurs“ trägt, möchte ich diesen Aspekt miteinbeziehen:

Wir alle kennen die Geschichte von Adam und Eva – dem Sündenfall. Daraufhin heißt es, dass die Frau unter Schmerzen Kinder gebären soll als Strafe dafür, dass Eva Adam verführt hat. Das wäre die christliche Begründung dafür, dass wir Schmerzen verspüren.

Im Koran wiederum steht umgangssprachlich (und korrigiert mich bitte, wenn dies falsch ist), dass das Paradies einer (werdenden) Mutter zu Füßen liegt (=> Link).  Der Islam betrachtet sowohl die Schwangerschaft als auch die Mutterschaft als etwas Göttliches, denn wir schaffen ein neues Leben. Das ist ein Privileg, keine Strafe.

Beide Ansätze haben ihre Daseinsberechtigung und es geht hier nicht darum, einen religiösen Disput loszutreten, sondern einfach mal über den Tellerrand hinauszublicken 🙂

Was es jedoch ist und bleibt, ist eine Herausforderung. Schmerz heißt, an seine eigenen Grenzen zu gehen und das sowohl seelisch als auch körperlich.

Grenzen sind jedoch keine Mauern, die uns den Weg verschließen sollen, sondern Meilensteine, die uns reifen  lassen.

Meine Hebamme sagt, dass es einen großen Unterschied macht, ob eine Frau eine Frau ist oder eine Mutter wird. Sie entdeckt vielleicht Seiten an sich, die sie vorher nie in sich vermutet hätte. Mutterliebe zum Ausdruck zu bringen ist wohl eines der schönsten Gefühle, die man als Frau empfinden kann. Der Prozess der Schwangerschaft und der Geburt, verbunden mit dem Schmerz, hinterlässt in uns innerhalb weniger Monate eine seelische Transformation und lässt uns spüren, welchen Weg wir gehen müssen, um zu einer Mutter zu werden. Die Geburt ist das Ultimatum dieser Reise.

Dabei ist es mir ganz wichtig zu sagen, dass es Frauen gibt (wer weiß, vielleicht wird es auch mir passieren?), die eben nicht auf normalen Weg gebären können. Das ist in meinen Augen völlig legitim und mindert weder das Geburtserlebnis noch die Wichtigkeit der Mutterrolle. Denn auch diese Frauen haben 10 Monate ein neues Leben in sich heranwachsen lassen und es mit viel Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und Liebe umsorgt.

Ängste sollten jedoch nicht der Grund dafür sein, euch gegenüber dem Erlebnis des „Grenzen überschreitens“ zu verschließen. Hinterher sind alle Schmerzen vergessen und das Gefühl, etwas Undenkbares geleistet zu haben, wird mit Sicherheit überwältigend sein.

Ängste erzeugen zudem Spannungen und Verkrampfungen, was wir bei der Geburt nicht gebrauchen können – denn wir wollen Weite & Dehnung. Daher ist hier die Entspannung enorm wichtig, bei der euch leider niemand helfen kann. Aber ihr könnt euch helfen, indem ihr bewusst eure Atmung lenkt, euch mit Dingen umgeht, die euch entspannen (Musik, Düfte, Bilder, etc.) und den Schmerz annehmt.

Jede Wehe ist eine Welle – sie kommt und sie geht

Das Gute ist, das die Wehenpause mindestens dreimal so lang ist wie die Wehe selbst. Anfangs sogar noch länger. Das ist doch ein guter Ausblick. 🙂

Zudem sind Wehen wie Wellen, sie bauen sich auf, erreichen die Spitze und flachen wieder ab. Dabei könnt ihr versuchen, beim Ausatmen bis 8 zu zählen, denn dann wird euer Atemrhythmus automatisch langsamer, was wiederum zur Entspannung führt.

Übt das ruhig ein paar im Verlauf der Schwangerschaft, dazu gibt es tolle Meditationsmusik, die einen in die richtige Stimmung versetzen.

Und zu guter letzt der riesige Trost: Ihr seid nicht allein. Hebamme, euer Partner, Mutter, Schwester oder wer auch immer euch bei der Geburt begleitet, wird euch die Hand halten und dafür sorgen, den Schmerz so erträglich wie möglich zu machen.

Habt keine Angst und denkt immer daran: Gebären ist etwas Göttliches; ein Privileg der Natur ❤

5 Gedanken zu “Welchen Sinn hat der Geburtsschmerz? Ein philosophischer Exkurs

  1. Ellen schreibt:

    Du hast das schön beschrieben, auch wenn ich denke, das stellt eher die Idealgeburt dar. In der Realität können die (oft unter Zeitdruck stehenden und überlasteten) Hebammen leider nicht mehr ihr Bestes tun, um den Schmerz so erträglich wie möglich zu machen, von unqualifizierten Äußerungen und unnötigen Maßnahmen mancher Ärzte mal ganz abgesehen.
    Auch, dass die Schmerzen hinterher vergessen sind, kann ich aus Erzählungen von Müttern, die ich kenne, durchaus nicht bestätigen.
    Aber es gibt sie, die „guten“ Geburten, und natürlich wünsche ich Dir (und jeder Frau) so eine.
    Eine Frage noch: Der Verweis auf den Islam wirkt auf mich etwas wie ein Fremdkörper im Text – das ist nicht dein eigener Glaube, oder? So wie ich das verstehe, geht es bei dem Zitat nicht um die Wertschätzung der Frau in der Mutterrolle an und für sich, sondern darum, dass sie anerkennen soll, dass die Aufzucht von Kindern über Bildung und Eigenständigkeit steht… (So auch bereits der Klappentext des Buches). Das kann natürlich (in Deutschland) jede Frau für sich entscheiden, aber dies religiös zu begründen, sehe ich kritisch.

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    • FutureMom schreibt:

      Danke liebe Ellen für deinen Kommentar 🙂 In der Tat hast du Recht, dass es sich um eine „Idealvorstellung“ handelt, aber ich bin Optimistin und glaube daran, dass wir durch unser Denken die Dinge zum Teil beeinflussen können. Und sei es nur durch unsere innere Haltung. Wie es wirklich läuft, kann ich natürlich erst hinterher sagen, aber ich habe somit nichts unversucht gelassen, um mir meine Angst im Vorfeld zu nehmen.

      Nun kurz zu dem religiösen Inhalt: Ich hab den Gedanken von meiner Hebamme aufgeschnappt und ich muss sagen, er hat mir sehr gut gefallen! Es geht auch gar nicht um die Frage, welchen Stellenwert die Mutter/Frau etc. in den einzelnen Religionen besitzt, sondern einfach um den Gedanken, dass das „Leben schenken“ eben etwas ist, das eigentlich „göttlich“ ist.

      Das kann aber natürlich jeder für sich entscheiden, ob ihm/ihr das zu spirituell ist, aber ich fand den Gedanken schön und nennenswert und es soll nicht bedeuten, dass ich dadurch automatisch alle Aussagen, die in diesem Zusammenhang getätigt werden, vertrete – es ging mir lediglich um diesen einen Gedankenansatz – auch wenn er in der Tat nicht meiner Religion entstammt. Aber wir dürfen ja auch über den Tellerrand hinausblicken, oder nicht? 🙂

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  2. Ellen schreibt:

    Hey, danke für deine Antwort! Ja, dem allem kann ich nur zustimmen und ich drücke Dir die Daumen, dass sich Deine positive Einstellung auch in einem schönen Geburtserlebnis widerspiegelt!
    Klar darf man über den Tellerrand schauen. Gerade bei einer Religion, die Frauen tendenziell stark abwertet (hab mich wohl etwas zu viel mit diesbezüglichen Koran-Aussagen beschäftigt…) finde ich es aber schwer, etwas Spirituelles (für das ich durchaus offen bin) losgelöst vom Kontext zu betrachten, daher war mir das in Deinem Post aufgefallen. Aber ich verstehe in Deiner Antwort, wie Du es auffasst. 🙂

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